Täglich Tonnen Transport – wie die Frisia die Inseln versorgt

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Eine Reportage von Lars Schafft (Text und Fotos)

Wenn Sonnenbrillen spiegeln, die Creme anfängt zu schmilzen, und sich Fahrgäste fast schon auf dem Oberdeck ankuscheln müssen – dann vergisst man schnell, dass die Fähren der AG Reederei Norden-Frisia eine wichtige Aufgabe übernehmen: Sie müssen die Inseln versorgen. Mit Lebensmitteln, mit Baumaterial. Und auch mit Tannenbäumen.

Norderney-Anleger, 5.15 Uhr morgens. Tammo Sjuts´ Schicht beginnt. Er nimmt die Transporter und LKWs für die ersten Schiffe zum Eiland entgegen. Man kennt sich, alles läuft reibungslos, es wirkt perfekt durchorganisiert: »Heute ist Markt auf Norderney, deswegen ist mehr los.« Die meisten haben aber Jahreskarten. Ein Zug durch den Scanner und der Laster fährt weiter. Heute schon aufs Frachtschiff, das um 5.30 Uhr ablegt. Von Hektik keine Spur. Fast lautlos erfolgt die Verladung, man kennt die Abläufe. Achtet man nicht darauf, verlässt die Frisia VII nahezu unbemerkt den Norddeicher Hafen und fährt voll gepackt gen Norderney.

6.00 Uhr früh. Die Frisia III, das erste Passagierschiff nach Norderney, verlässt ihren Liegeplatz und hält am Anleger. Eine Viertelstunde später soll auch sie in See stechen. Vor der Verladerampe stehen ein paar Transporter und LKWs, wenige PKWs. »Das ist ungewöhnlich«, erklärt Tammo Sjuts. Zwei Frauen, die die erste Fähre nehmen wollten und am gleichen Tag zurück, waren die ersten, die ihre Tickets lösten. Auch eine Frau aus dem Süddeutschen, die zur Reha nach Norderney musste und die ganze Nacht durchgefahren ist, berät Sjuts mit Engelsgeduld am Schalter: »Noch nie auf einer Fähre gewesen? Dann wird’s aber Zeit!« Sie bekommt den Fahrschein und reiht sich geduldig in Fahrspur 3 ein.

6.10 Uhr. An der Passagierbrücke bildet sich eine kleine Menschentraube. Unschwer an der Kleidung und dem fehlenden Gepäck zu erkennen: größtenteils Pendler, die zur Arbeit nach Norderney fahren. Einer von ihnen ist der Norder Koch Frank Weiß, der seit gut einem Jahr frühmorgendlich zur Insel fährt. Ob die täglichen Überfahrten für ihn nicht recht mühsam sind oder auf Dauer gar langweilig werden? »Ich genieße das als kleine Auszeit.«

6.15 Uhr. Die Frisia III legt ab, auch fast ohne Geräusche. Nach ein paar Metern erlischt die Deckbeleuchtung. Undramatisch, aber man ist an James Camerons Titanic erinnert. Tammo Sjuts hat bis zur nächsten Fähre um 7.30 Uhr wenig zu tun. »In der Hauptsaison gibt es Drängler, dann wird’s auch mal enger. Jetzt ist alles entspannt.« LKWs mit einem Gesamtgewicht von ca. 250 Tonnen sind auf dem Weg über das Watt.

7.00 Uhr. Es fängt an zu regnen, richtiges »Schietwetter«. Nichts außergewöhnliches für Günter Cornelius und seine Kollegen von der Logistik der Frisia. Ihre Aufgabe, der Transport der Fracht nach Juist, ist aber ungleich schwerer, als die der Verfrachtung nach Norderney. »Erstmal aufräumen«, so sein Motto zum Beginn seines Arbeitstages.

Spediteure und Liefernanten haben ihre Container am Hafen abgestellt. Jetzt müssen diese per Gabelstapler auf sogenannte MAFIs, spezielle Verladeanhänger, gestellt werden, so dass sie möglichst problemlos auf Juist auf Pferdegespanne umgeladen und weiter transportiert werden können. Eine große logistische Aufgabe, erklärt Cornelius. »Jetzt ist ruhig, die Hauptsaison ist vorbei. Aber in drei Wochen darf auf Juist wieder gebaut werden und dann kommen auch noch die Herbstferien.« Heißt: Lebensmittel für knapp 2.000 Juister und in Spitzenzeiten zusätzlich 5.000 Gäste. Dazu kommen Kräne und das Material für den Hausbau. Er und seine Kollegen wissen, wie es geht. Sechzehn Meter lange Bauhölzer auf sieben Meter langen Anhängern unterzubringen, ist für sie Routine.

7.50 Uhr. Die Frisia VII kommt zurück von Norderney und entlädt die erste Fracht des Tages. Unmittelbar darauf fahren Günter Cornelius und Co. die neue Fracht an Bord. Der Zeitraum ist wegen der Tide begrenzt. Die letzten Waren werden um 8.30 Uhr angenommen, bevor die Frisia VII um 9.00 Uhr ablegt.

Lebensmittel, Baumaterial, Post – ohne die Versorgung vom Festland ginge auf den Inseln nichts. Die Abläufe sind so eingespielt, dass es zu keinen Engpässen kommt. Wenn die Umstände mitspielen. »Vor ein paar Jahren war der Hafen über Tage zugefroren, da konnten wir nichts transportieren«, erzählt Cornelius, lebensnotwendige Medikamente konnten nur per Flieger nach Juist gebracht werden. Aber auch wegen Niedrigwassers können die Frachtschiffe manchmal Norddeich nicht verlassen. »Dann müssen die Lebensmittellieferanten ihre Container wieder abholen.«

Heute bleibt es aber ruhig, während die MAFIs an Bord der Frisia VII gebracht werden, stellen sich Cornelius und Kollegen im Container unter – es schüttet. Nichts, was sie aus der Ruhe bringen würde. Auch die Arbeitszeiten, die sich aufgrund der Tide wöchentlich ändern, lösen keinen Stress aus. Alles läuft nach Plan und an ein »büsch´n« Regen ist man gewöhnt.

Unangehme Überraschungen bleiben so in der Regel aus. Aber, so weiß Rainer Sürken, Vorstandsassistent der Frisia, zu berichten, es gibt auch besondere Frachttransporte: »Im Dezember sind die Frachtanhänger auch mal voll mit Tannenbäumen!« Auch die Insulaner und ihre Gäste mögen halt nicht auf Traditionen verzichten. Und auch diese Wünsche erfüllt die Frisia täglich, ohne dass Einheimische und Touristen davon viel mitbekommen.