Norddeich 21 für 12 Millionen Euro – Freibad weiter in der Schwebe

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von Lars Schafft

Die Planungen für den Masterplan »Wasserkante« in Norddeich sind abgeschlossen, Anträge auf Fördermittel wurden Ende September gestellt. Zwölf Millionen Euro soll die Umgestaltung des Norddeicher Strandgeländes kosten, bis 2021 alles fertig sein. Die konkreten Pläne stellte Kurdirektor Armin Korok der Presse vor. Stunden später schon die Abstimmung im Rat über das Freibad. Ja, man wolle eines und ein beheiztes, so der Aufsichtsrat der Wirtschaftsbetriebe und der Rat unisono. Doch erstmal passiert nichts – Anträge, von FDP und SPD, endlich die WBN die Initiative ergreifen zu lassen, wurden von CDU, ZoB und Grünen blockiert.

Grafik © WES Gmbh Landschaftsarchitektur und INROS Lackner SE

Vor der gestrigen Ratssitzung gingen die Liberalen forsch vorweg: Das Freibad sei umbaubar, dafür lieferten sie ihrer Meinung nach stichhaltige Gründe. Die Kosten könne man aus dem Masterplan abziehen und beispielsweise auf einen Dünenweg oder Beleuchtung verzichten. Auch die SPD forderte unverzügliches Handeln mit einem Ideenwettbewerb, der von Um- bis zu Neubau reiche. Beide Anträge fanden keine Mehrheit, die Christdemokraten, die ZoB und die Grünen votierten – teils ohne ausführliche Stellungnahme – dagegen. Lediglich Wolfgang Sikken, Chef der CDU-Fraktion und gleichzeitig Aufsichtsratvorsitzender der Wirtschaftsbetriebe, mahnte die Ratsmitglieder, doch erstmal die Füße stillzuhalten und auf den Bescheid über die Fördermittel zu warten.

Überraschendes »Gutachten«

Sorgte für kontroverse Diskussionen: FDP-Chef Rainer Feldmann

Ein Gutachter, der mit einer Powerpoint-Präsentation darlegen sollte oder wollte, dass das Freibad nicht nach FDP-Ideen renovierbar sei, stieß teils auf großes Interesse, teils auf Ablehnung. Jedenfalls war sein Auftritt überraschend, da nicht auf der Tagungsordnung angekündigt. Thomas Vor der Brüggen (FDP) mokierte ebenso wie Dorothea van Gerpen (SPD), dass es sich lediglich um eine Präsentation handelte, der Begriff »Gutachten« aber doch mehr erwarten lasse.

Rainer Feldmann, FDP, sorgte wie gewohnt mit provokanten Thesen für eine giftige Atmosphäre im Rat. »Desinteresse« am Thema Freibad warf er CDU, ZoB und den Grünen vor, malte ein düsteres Bild einer »Ramsch-Destination« Norddeich ohne Freibad an die Wand. Bis auf die eigene Fraktion und einige Genossen blieben seiner Worte jedoch ungehört, unter der Hand warf man ihm »Populismus« und AfD-Nähe vor – von der sich Feldmann deutlich distanzierte.

So blieb nach über drei Stunden Sitzung inklusive – mit fünf Minuten recht spärlich bemessener – Bürgerbefragung das Votum: Wir warten ab, ob es Fördermittel gibt. Bis dahin, also mindestens Frühjahr 2019, passiert nichts Richtung Freibad.

Folglich erstmal »nur« der Masterplan »Wasserkante«. Freibad ausgeklammert, wie Armin Korok auf Nachfrage der NorderNews erklärte: »Das ist kein Thema, wir planen darum herum.« So ist auf den Planungsskizzen, die er vorlegte, das Freibad nicht eingezeichnet. Dessen Fläche aber auch nicht zur anderweitigen Nutzung vorgesehen. Dass eine umzäunte Bad-Ruine ein Makel im Gesamtkonzept darstelle, wollte er weder bestätigen noch verneinen – der Ball liege auf dem Spielfeld der Politik. Und die hat sich – siehe oben – wieder vertagt.

Norddeich 2021

Kurdirektor Armin Korok präsentierte die finalen Pläne für die »Wasserkante«.

Und doch: Nicht ohne Stolz präsentierte Korok sein Konzept für Norddeich 2021 – bis dahin sollen alle Bauarbeiten abgeschlossen sein. Denn: »Jetzt ist Norddeich fernab jeglicher Attraktivität!«

Im Vordergrund der Konzeption standen:

  • Barrierefreiheit
  • neue Zielgruppen
  • Verlängerung der Saisonzeit
  • Steigerung der Übernachtungszahlen
  • Erhöhung der Kaufkraft pro Gast

und damit nachhaltige Stärkung der heimischen Tourismus-Wirtschaft.

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Konkret soll Norddeich so attraktiver gestaltet werden:

  • eine durch das erhöhte Deichwerk mit sand-farbenem Asphalt bedeckte Promenade (ca. 1,25km), beleuchtet in Fußhöhe durch sog. »Schildkröten-Leuchten«, soll rund ums Areal zum Flanieren (»Flaniermeile«, Armin Korok) einladen
  • das »Wattfenster«, eine Treppen-Architektur mit Zugang zum Watt, soll zentraler Treffpunkt werden
  • mehrere Treppen bzw.  »Meeresterrassen«  führen direkt in die See bis auf den Wattboden, zugänglich sogar für Rollstuhlfahrer, ausgestattet mit Duschen
  • Einrichtung von Plazas, kleinen Flächen für Kleinkunst, Yoga oder zum Verweilen
  • zusätzliche Sanitäralagen im westlichen Strandbereich sorgen für kürzere »Dienstwege«
  • ein Gesundsheitsparcours mit »innovativen Bewegungselementen«
  • erlebbare Salzwiesen (wo »erlaubt ist, was im Nationalpark Wattenmeer verboten ist«, Armin Korok)
  • Infocontainer »Weltnaturerbe Wattenmeer« (»das sieht man ja sonst nicht«, Korok)
  • Bohlenwege und Lehrpfad durch die neuen Dünen
  • für Kinder eine Wattwurm-Rutsche, eine Meerspinne, einen Kletterkrebs und eine Erlebnismuschel zum Spielen
  • der Hundestrand bleibt unangetastet, sowohl in Lage als auch Fläche und Nutzungsmöglichkeiten

Die Arbeiten für den Bereich Ost (Promenade, Sandaufschüttung statt Drachenwiese) sollen ab April 2019 losgehen, für den Ost-Strand ist die Hauptsaison 2020 eingeplant. Der Rückbau der Drachenwiese werde nach den Umbauten im West-Bereich erfolgen.

Ales in allem hält Kurdirektor Armin Korok »Norddeich 21« für »ziemlich einmalig« an der deutschen Nordseeküste.

Einbußen für Vermieter

Visualiert man sich die Pläne, wird schnell klar: Das alles geht nicht ohne Lärm, das geht nicht ohne Verkehr. Allein die Strandauffüllungen umfassen 50.000 Kubikmeter Sand, etwa 2.000 LKW-Ladungen. Zwar prüfe man eine Aufspülung mit Leitungen aus dem Watt, doch die Kosten seien noch nicht abschätzbar, so Korok.

Dass es Einbußen im Tourismus gebe, »das muss man nicht schönreden«, gibt Korok zu. In Zahlen ausdrücken könne er diese zwar nicht, fordert deswegen aber eine »offensive Information« der Gäste, beispielsweise mit Führungen und Webcams.

Durch die Trennung der Strandflächen West und Ost und deren  zeitlich unterschiedlichen Bauarbeiten sei aber ein geregelter Strandbetrieb jederzeit gewährleistet.

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Der Stand jetzt

  • Der Masterplan »Wasserkante« ist final abgesegnet, nun müssen Fördergelder fließen.
  • Fließen diese nicht, plant Kurdirektor Armin Korok zumindest den Bau der Wattpromenade und den Umbau vom Strandgelände Ost – mit Eigenkapital der Wirtschaftsbetriebe der Stadt Norden.
  • Das Freibad wird vorerst weder abgerissen, noch um-, noch neugebaut – Ergebnis: offen. Es bleibt mittelfristig eine Ruine.
  • Vermieter und Gäster müssen sich auf eine schwere Saison 2020 einstellen, wenn die Bauarbeiten einen Großteil des Norddeicher Strands unattraktiv machen.